SPRACHENSERVICE KLAUS ROTH MÜNCHEN

ARBEITEN VON WOLF SANDER 

Im vergangenen Jahrzehnt haben die kriegerischen Auseinandersetzungen auf dem Gebiet des ehemaligen Jugoslawien auf erschreckende Weise deutlich gemacht, welche dämonischen Kräfte unter der “zivilisierten” Oberfläche des Alltags lauern. Unter dem Eindruck dieses blutigen Kampfes um nationale Identitäten sind diese großformatigen Arbeiten von Wolf Sander gegen Ende der 90er Jahre entstanden. Sie provozieren sowohl durch die Art der Darstellung als auch durch die verwendeten Materialien: Sander malt elementar-urtümliche, unmittelbar begreifbare Formen, wobei er als hauptsächliches Malmaterial nicht “hochfeine Künstlerfarben”, sondern überwiegend ganz gewöhnlichen Teer verwendet, diese in großen Eimern gehandelte banale Abdichtmasse aus dem Baumarkt.

Dieser intensiv schwarze Teer gewinnt bei Sander auf der Leinwand dank unterschiedlicher Verarbeitungsprozesse eine hochdifferenzierte Oberfläche, eine Vielzahl von wie “zufällig” entstandenen Spuren des Farbverlaufs mit ihren beim Trocknen entstandenen kleinen Rissen bildet eine plastische Struktur. Bei einigen der Bilder gewinnt die Oberfläche durch eingearbeitete Objekte (wie z.B. aus Pappmaché modellierte Brüste oder auch objets trouvés) noch zusätzlich an Räumlichkeit. Die Materialität und räumliche Dimension dieser Oberflächengestaltung des Schwarz sowie der anderen verwendeten Farben (in erster Linie ein breites Spektrum von Brauntönen) ziehen den Betrachter vom ersten Augenblick an in ihren Bann.

Insbesondere aber der auf völlig unerwartete Weise schwarz glänzende, ja geradezu leuchtende und teils fast silbrig glitzernde Teer übt eine starke Faszination aus.

Dieser geheimnisvolle schwarze Glanz erwacht (bei entsprechenden Lichtverhältnissen) zu einer ungeahnten Lebendigkeit und läßt die oft archaisch-einfachen Elemente der Bildkompositionen nachdrücklich hervortreten. (In Sanders letzten Werk dominiert ein leuchtendes, vielfach abgestuftes Blau; unter dem Symbol des Kreuzes ist ein gefesselter Leib als plastisches Collagen-Element eingefügt.)

All diese erstarrten Farbspuren sind freilich nur scheinbar als Ergebnis eines gänzlich dem Zufall überlassenen Prozesses auf der Leinwand entstanden, denn der Künstler arbeitet stets mit größter Genauigkeit…

Wolf Sander (geboren 1941 in Eckernförde) war viele Jahre lang als Fotograf tätig; seine Begeisterung für die Schwarzweiß-Fotografie überträgt er seit Anfang der 90er Jahre auf sein zeichnerisches Werk: diese Graphit-Zeichnungen (anfangs nur schwarz-weiß, später um farbige Akzente erweitert) zeugen von einer ungewöhnlichen “fotografischen” Präzision und Akribie. Mit eben dieser Präzision geht Sander auch bei seinen “Teer”-Bildern vor: der ausdrucksstarke Farbverlauf, der hier ausschließlich vom Zufall bestimmt zu sein scheint, ist in Wirklichkeit das Ergebnis vieler Experimente und sorgfältig ausgearbeiteter Verfahren beim Umgang mit der Materie.

Einen wesentlichen Kontrast zum Schwarz und zu den Brauntönen bildet in Sanders Bildern ein leuchtendes Rot: die Verletzung, die rote Wunde - sei es die Wunde im Herzen oder die “Wunde” des Geschlechts.

Wolf Sander gehört gewiß nicht zu jenen Künstlern, die ihre “Botschaft” in verschlüsselter Form übermitteln und dem Betrachter einen intellektuellen Entschlüsselungsprozeß abverlangen - sein Bilder sprechen den Betrachter unmittelbar an und bedürfen auch keines Titels als “Interpretationshilfe”.

Im Mittelpunkt steht immer der Mensch: der seiner Individualität beraubte Mensch (als Kopf-loser Massenmensch) in seiner animalischen Körperlichkeit (durch die Formen des weiblichen Körpers dargestellt).

Das auf Sanders Bildern Dargestellte besticht durch seine elementare, oft geradezu archaische Einfachheit: auf einem Bild ein weißes Hemd aus grober Sackjute mit einer über dem Herzen klaffenden roten Wunde, auf anderen Bildern die plastisch modellierten roten Wölbungen zweier Brüste, dann immer wieder die fast bedrohlichen undifferenzierten schwarzen Formen identischer, vervielfältigter menschenähnlicher Wesen mit winzigem Kopf. Diese Kopf-losen Wesen sind Masse, nicht Individuum, sind identitätslos, sind Opfer verschiedener Herrschaftsformen, erliegen dem Totalitarismus. All die Ideologien der Gleichschaltung, die dem Menschen das Paradies verheißen, bringen ihm in Wirklichkeit die Hölle und Entmenschlichung - doch die Freiheit der Wahl ist eine Illusion. Der Intellekt ist entmachtet, die angebliche Sonderstellung des Menschen innerhalb der Schöpfung wird in diesen Bildern entlarvt.

Grundlegende Fragen des Menschseins wie Herrschaft und Gleichschaltung (Entmündigung), Freiheit und Gefängnis, Körperlichkeit und Intellekt werden in Sanders Bildern unmittelbar anschaulich und erfahrbar gemacht.

Die hier ebenfalls gezeigten, einige Jahre früher entstandenen schwarz-weißen Bleistiftzeichnungen zeugen von der außerordentlichen “fotografischen” Präzision, mit der Sander als Zeichner arbeitet. Sie dokumentieren eine Entwicklungsphase des Künstlers, die zu den “Teer”Bildern, deren Oberflächen so stark vom Zufall geprägt anmuten, nur scheinbar in Widerspruch steht, da in diesen ja dieselbe Präzision - wenn auch verborgen - vorhanden ist. Die Thematik dieser Zeichnungen kreist ebenfalls um den (weiblichen) Körper, um den teils segmentierten und umgeformten Körper, um die Begriffe Gefängnis und Freiheit, um Verflechtungen und Fesselungen, aber auch um den Verlust der Individualität.

Klaus Roth